- wunderschöne, verletzende, verwirrende und lustige Begebenheiten -

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Und hier eines meiner schönsten Erlebnisse, die mir mein Rolli beschert hat.... (Ein Beitrag von mir in meinem Selbsthilfeboard - März 2004)
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Eine Reise nach Juist
(im Juli 2004 - einen Monat vor meiner Trennung)
Der Geburtstag meines Mannes Paul sollte in diesem Jahr etwas Besonderes werden. Da es in der letzten Zeit immer wieder unschöne Momente in unserer Ehe gab, folgte ich dem Rat meiner Psychologin, uns einmal etwas „Schönes“ zu gönnen – eine Auszeit vom Alltag und von unserer jeweiligen Arbeit zu nehmen.
So kam ich auf die Idee, dass ich Paul ein verlängertes Wochenende nach Juist zum Geburtstag schenken könnte. Ich stellte es mir so richtig schön romantisch vor – in einer kleinen Pension, bei schönem Wetter, mit Wasser, Strand und Wellen – und die herrliche Seeluft...
Also nahm ich gleich, Anfang Mai, alles in Angriff. Ab sofort hortete ich mein ganzes Überstundengeld, die Einnahmen der Steuererklärungen und die Erlöse meiner selbst gemachten Geschenkartikel. Außerdem bat ich alle, Paul diesmal zum Geburtstag nur Geld zu schenken. So bekam ich die Summe für den nicht gerade billigen Kurzurlaub zusammen. Ich informierte alle Freunde, dass sie, bei einer etwaigen Einladung von Paul zu seinem Geburtstag, keine Zeit haben sollten.
Nun versuchte ich eine Unterkunft zu bekommen, was sich als sehr schwierig erwies. Für 2 Nächte wollte in der Hauptsaison keiner vermieten. Aber ich fand doch noch eine Pension – zwar mit Zimmer auf der ersten Etage – aber ich dachte mir: die zwei Nächte kommste damit schon zurecht. Dann kam meine Freundin Elke auf die Idee, uns bei unserer Reise mit ihrem Mann Bernd zu begleiten. Ich dachte mir, dass das ganz schön wäre, weil Paul mich dann nicht alleine „auf dem Hals“ hätte. Spaßeshalber fragte ich noch andere Freunde (Karin und Walter), die auch sofort begeistert von der Idee waren, womit ich gar nicht gerechnet hatte. Also versuchte ich noch zwei weitere Zimmer zu buchen, mit der Befürchtung, keines mehr zu bekommen.
Wie der Zufall es wollte, waren dann tatsächlich noch drei Zimmer in einem Haus frei. Das Abenteuer konnte beginnen...
Weil die letzte Fähre am Freitag um 14.30h fuhr, musste ich Paul irgendwie dazu kriegen, am Freitag schon um 12h zu hause zu sein. Ich täuschte einen Arzttermin vor, bei dem er dringend dabei sein musste.
Doch nach weiteren Überlegungen, kam ich mit unseren Freunden zu dem Schluss, dass wir ja auch schon mit der ersten Fähre fahren könnten, wenn an dem Freitag alle Urlaub haben würden. Gesagt, getan...
Elke, Bernd und ich hatten eh Urlaub und Karin und Walter bekam einen Tag frei. Nun musste nur noch mein Mann Paul Urlaub haben. Ich rief seine Kollegen an, dass sie ihm für den Tag alle Termine aus seinem Kalender streichen sollten, damit dem Urlaubstag nichts im Wege stehen würde.
Walter bat Paul daraufhin, sich einen Tag Urlaub zu nehmen, weil er ihn dringend für seine Umbauarbeiten bräuchte. Widerwillig nahm Paul sich frei. Zwei Tage vorher sagte er jedoch noch einmal, dass er keinen Urlaub nehmen könne, weil er so viel zu tun habe. Doch seine Kollegen, die ich in meinen Plan bereits eingeweiht hatte, überredeten ihn sich den Tag für Walters Umbau frei zu nehmen. So blieb es bis zum Schluss spannend. Wir alle hatten viel damit zu tun, uns nicht zu verplappern, was uns sehr schwer fiel. Inzwischen wussten bereits sehr viele aus unserem Umfeld von der geplanten Überraschung...
Damit Paul bei Walter erfuhr, warum er nun doch keinen Arbeitsauftrag bekommen würde, schrieb ich ihm einen Brief mit einigen meiner Gedanken und kopierte die Mietzusage von unseren Unterkünften auf Juist. Walter sollte ihm den Brief übergeben und ihn dann schnell nach Hause schicken, damit er sich fertig machen konnte, denn um 12h ging die Fähre. In der Zwischenzeit packte ich den Rest in unseren Koffer (den ich in den Tagen vorher heimlich schon vorgepackt hatte), und machte Paul eine Liste über die Dinge, die er noch selbst einpacken musste, denn ich dachte mir schon, dass er nicht mehr dazu in der Lage sein würde, selbst darüber nach zu denken.
Und so kam es auch... Während ich vor lauter Aufregung kaum etwas frühstücken konnte (ich hatte in der Nacht vorher kaum geschlafen), war Paul bei Walter. Nach einer Stunde kam er nach Hause. Unser Hund bellte ihn an und er sagte: „Ja, beiß denen allen mal ins Bein. Einen alten Mann so reinzulegen...“. Dann legte er seinen Arm um meine Schulter und bedankte sich für die Idee. Danach stand er ziemlich orientierungslos in der Küche herum und rätselte, woran er die Überraschung schon gemerkt habe. Ich musste ihn fast unter die Dusche schieben, damit wir rechtzeitig weg kommen konnten.
Walter holte uns pünktlich ab und wir fuhren ins Wochenende, wo Elke und Bernd schon auf uns warteten...
Der erste Tag war warm aber nicht zu heiß. Wir gingen nach dem Koffer auspacken zuerst in den Ort, um etwas zu essen (seit dem Frühstück hatten wir nichts mehr gehabt). Karin und mir schwebte ein Salat vor, aber die Männer kauften einfach Brötchen, bzw. Brot und wollten sich damit an den Strand setzen. Wir konnten sie gerade noch dazu überreden, doch zum Essen bei der Backstube zu bleiben, wo wir Frauen uns ebenfalls mit Brötchen zufrieden gaben. Danach gingen wir zum Strand. Der Steg war dermaßen steil, dass ich die Augen zu machen musste, als sie mich zu dritt zum Strand hinunter schoben. Die Fahrt durch den Sand war nicht weniger anstrengend. Zu dritt zogen sie mich irgendwie bis ans Wasser.
Die anderen wollten eigentlich baden gehen, doch das Wasser und der Wind waren sehr kalt, so dass keiner es wagte. Also gingen die Männer am Strand spazieren, die beiden Frauen blieben bei mir. Wir mussten uns ca. zwei Stunden den Sand um die Ohren fliegen und die Sonne auf die Haut brennen lassen. Unsere Männer kamen nicht so schnell wieder. Als wir gerade einen Rückzugversuch ohne sie starten wollten, kamen sie zurück. Elke und Karin hätten meinen Rolli auch nie alleine vom Strand weg bekommen, denn sie konnten ihn nicht einmal alleine drehen, weil er so tief in den Sand eingesackt war. Inzwischen sahen wir Frauen aus wie drei Streuselkuchen und waren von einer Seite verbrannt.
Der erste Abend wurde dann aber doch ganz schön. Wir gingen zu „unserem“ Italiener und bummelten noch eine Weile durch den Ort. Abends saßen wir vor dem Haus und tranken Rotwein...
Der nächste Tag war sehr heiß. Paul und Walter wollten die Kurtaxe bezahlen gehen.
Ich beschloss wegen der Hitze, den kurzen Gang nicht mit zu machen und setzte mich vor’s Haus, um auf Paul zu warten, der mich dort abholen wollte. Karin kam auch runter, um an den Strand zu gehen. Sie setzte sich jedoch zu mir, „weil’s ja nicht so lange dauern würde“: Wir warteten fast zwei Stunden, bis wir uns alleine auf den Weg zum Strand machten. Dort angekommen, sahen wir unsere vier Mitreisenden schon am Strandkorb in der Sonne dösen. Karin rief laut ihre Namen, aber sie sahen nur kurz zu uns hoch, doch keiner reagierte. Sie musste erst ganz zum Strandkorb gehen, bis sich alle langsam und lustlos erhoben, um mich den Steg wieder runter zu wuchten. Ich kam mir total blöd vor...
Kaum war ich am Strandkorb angekommen, beschlossen Paul und Walter die von ihnen eingekauften Sachen zum Zimmer zu bringen. Sie kamen nach drei Stunden wieder! Sie waren an einer anderen Stelle an den Strand gegangen und hatten bereits eine Wanderung am Wasser hinter sich. Elke und Bernd machten derweil auch einen Strandspaziergang im Wasser, und wieder war Karin die einzige, die mir geblieben war, (was sich als mein Glück herausstellte).
Drei Stunden ohne Toilettengang kann ich nicht mehr aushalten und prompt musste ich. Es wurde immer dringlicher, aber wir hatten nicht die geringste Chance eine Toilette zu erreichen. Karin versuchte die Männer über ihr Handy zu erreichen, aber sie hatten beide Handys abgestellt. Ich war in einer scheußlichen Situation. Da kam Karin auf die Idee, mir eine Art WC zu bauen. Sie buddelte mit einer Muschel ein tiefes Loch in den Sand und baute aus dem Strandkorb, ihrer Strandmuschel, dem Rolli und den Liegematten von Elke und Bernd einen Rundherumsichtschutz, so dass ich mein „Geschäft“ ohne neugierige Blicke verrichten konnte, obwohl Karins Aktion von den benachbarten Strandgästen nicht unbemerkt geblieben war. Ich fühlte mich beschissen...
Der Geburtstagsabend wurde dann jedoch wieder ganz schön. Wir aßen im Haus zu Abend und gingen anschließend in den Ort bummeln. Dort spielte eine Liveband und die Leute hatten gute Laune, die ansteckend wirkte. Bernd machte danach mit mir eine „Rolliralley“, so dass ich mich festhalten musste, um nicht heraus zu fallen. Wir sahen uns von der erhöhten Sonnenterrasse eines Lokals den Sonnenuntergang an und beendeten den Abend am Haus bei Rotwein und Salzstangen – eine Geburtstagsüberraschung unserer Vermieterin.
Der Abend war eine kleine Entschädigung für die unwürdigen Ereignisse des Tages, obwohl mein Mann während dieser ganzen Zeit kaum ein Wort mit mir gesprochen hatte...
Der letzte Tag war wieder sehr heiß. Wir mussten bis 11h unser Zimmer geräumt haben und hielten uns von da an nur noch im Freien auf, bei brütender Hitze. Wir wollten die Nachmittagsfähre um 16.15h nehmen, um "noch etwas von dem Tag zu haben". Es war der Horror. Zuerst blieben alle beim Haus, weil dort Schatten war. Dann gingen Elke und Bernd zum Strand, wie jeden Tag. Unsere Männer wollten „nur kurz mal ans Wasser“, so dass Karin und ich schon wieder übrig blieben. Wir verabredeten uns mit unseren Männern in einem Cafe. Dort hätten wir wieder einmal über zwei Stunden sitzen müssen, wenn wir dort auf sie gewartet hätten. Wegen der Hitze zogen wir es jedoch vor, uns nicht gleich in ein stickiges Cafe zu setzen. So irrten wir also wieder durch die Gegend, zuerst auf der Suche nach Schatten, und später, nachdem wir vor dem Cafe längere Zeit gewartet hatten, auf der Suche nach... ja wonach wohl? Diesmal war der Hinderungsgrund der beiden Männer, dass sie sich in der Zeit beim Spaziergang verquatscht hätten.
Wir bekamen die restliche Zeit bis zur Abfahrt der Fähre irgendwie herum. Ich wäre lieber schon eine Fähre früher gefahren, wollte den anderen aber den Tag nicht verderben.
Die Rückfahrt war dann das Schlimmste. Weil ich wegen der Treppen nicht an Deck konnte, musste ich unten bleiben. Dort war die Luft zum Schneiden. Nur eine Mutter, die ihr Kind stillte, teilte mit mir das gesamte Deck. Die anderen zogen es vor, die Fahrt auf dem Außendeck zu verbringen. Zeitweise hatte ich das Gefühl, einem Kreislaufkollaps nahe zu sein. Hin und wieder schaute Karin, und zweimal - ganz kurz - sogar Paul nach mir. Aber auch das ging vorbei.
Während der anschließenden Autofahrt lief mir der Schweiß in Strömen.
Kurz vor unserer Ankunft zu Hause gab es dann endlich ein kurzes und heftiges Gewitter. Man konnte wieder einigermaßen durch atmen. Ich war vollkommen erledigt...
Dort warteten unsere Kinder mit ihren Partnern auf uns – alle sechs. Es war richtig rührend. Ich musste mich allerdings sehr zusammen reißen, damit ich nicht schlapp machte. Mein einziger Wunsch war unter die Dusche zu können und dann ins Bett. Weil die Kinder jedoch noch einen Geburtstagsempfang für ihren Vater vorbereitet hatten, trank ich mit den anderen mein Glas Sekt und wartete darauf, dass alle ins Bett gingen.
Um 23h war dann alles vorbei.
Ich war mir nicht sicher, ob ich mich nun über das Erlebte freuen oder deshalb heulen sollte...

Eine Seefahrt...
(im März 2005 - über 1/2 Jahr nach meiner Trennung)
