Hier folgen u. a. zwei Beiträge von meiner Tochter, die sie in einem MS-Forum veröffentlichte (2002):
Meine Mutter hat MS
Meine Mutter hat vor ca 5 Jahren die Diagnose MS bekommen. Damals war ich 16. Voran ging ein halbes Jahr mit Zittern und Hoffen - sie hatte Symptome, aber keine gefestigte Diagnose.
Mein Leben war bis zu dem Zeitpunkt für mich nahezu perfekt. Ich habe eine wunderschöne Kindheit gehabt, meine Eltern waren/sind die besten und liebevollsten, die ich mir vorstellen kann. Es gab fast nichts, was sie mir nicht ermöglicht hätten, selbst wenn es ihre finanziellen Mittel eigentlich nicht zuließen.
Zum Beispiel habe ich Musikunterricht genossen, und wir sind jedes Jahr in Urlaub gefahren, wofür meine Mutter aber auch nach meiner und der Geburt meiner zwei Brüder weiterhin arbeitete, obwohl sie einen Säugling und Kleinkinder im Haus hatte. Sie hat sich einfach ihre Arbeit nach Hause bringen lassen, manchmal bis spät in die Nacht daran gesessen, wenn wir schliefen, um alles zu schaffen.
Heute bin ich 21... Es ist sehr viel passiert in den vergangenen Jahren, und wenn ich auf mein damaliges Leben zurückblicke, ist es so anders als mein heutiges, welches für mich übrigens trotz allem immer noch "nahezu perfekt" ist...für mich selbst, persönlich, läuft es gut. Ich werde bald Germanistik und Geschichte studieren, hab einen lieben Freund, eine tolle Familie, eigentlich fehlt es mir an nichts....eigentlich...!
Natürlich, ich selbst habe keine MS. Ich bin ein recht gesunder Mensch, abgesehen von einigen Allergien und Neurodermitis. Ich schreibe auch nicht um schlau daherzukommen: MSler, macht doch das-und-das, vielleicht geht's euch dann besser! oder: Ach, als Kind einer MS-Kranken hat man es soooo schwer!!! So etwas würde ich mir nie anmaßen.
Aber ich denke, es gibt so viele Erkrankte - wo sind die Angehörigen? Wie gehen sie damit um?
Meine Mutter hat sich sehr verändert. Nach jahrelangem haltlosem Herumirren scheint sie jetzt langsam wieder Boden unter den Füßen zu gewinnen...nach 5 Jahren!!! Sie ist nicht mehr die unermüdliche Hausfrau, Mutter und Steurfachgehilfin, die sie in einer Person war. Sie kann nicht mehr so viel arbeiten, tut's manchmal dennoch und übernimmt sich, aber sie ist auf dem Wege, zu sich selbst zu finden, oder besser zu einem neuen Ich, mit dem sie jetzt leben muss aber vielleicht auch kann, auf ihre ganz eigene Art.
Sie weint viel, denkt viel nach und leidet oft unermesslich.
Ich habe meine Rolle in unserer Familie sehr früh für mich selbst als die Schlichterin und Unterstützerin definiert. Wenn meine Eltern stritten hatte ich das Gefühl, ICH müsse einschreiten und vermitteln, und wenn es meiner Mutter schlecht ging wollte ich helfen und trösten. Oft konnte ich nicht wirklich helfen, aber trösten.
Heute kann ich manchmal nicht mal mehr das. Es ist so schrecklich einen geliebten Menschen leiden zu sehen und nichts tun zu können. Als Kind glaubte ich, ich müsste nur fest genug meine Augen zukneifen und an etwas denken, dann würde das in Erfüllung gehen. Heute wünsche ich mir, dass das funktionieren würde.
Wir reden sehr viel, weinen manchmal gemeinsam, das tut gut.
Besonders schwer fällt mir der Gedanke, wie meine Mutter MEINE Kinder erleben wird, und sie umgekehrt meine Mutter. Für mich war sie die beste Ma, und die Vorstellung, dass meine Kinder sie nur im Rollstuhl erleben werden, zerreißt mich. Sie muss so vieles entbehren, so viele Träume aufgeben, lernen, diese durch andere zu ersetzen. Sie muss zusehen, wie andere ihr Leben genießen und selbst manchmal außerhalb deren Welt stehen. Und ich kann ihr nicht helfen. Das hat sie nicht verdient!
Aber ich weiß, dass auch ich einen Weg finden muss mit ihrer Krankheit umzugehen. Ich bin schließlich nicht mal selbst krank. Ich denke nur: Wenn es mir schon so geht, wie muss es dann erst ihr gehen?
Ich könnte noch so vieles schreiben, aber ich denke, das reicht erstmal für den Anfang. Wär schön, wenn auch andere Angehörige den Weg hierher finden würden. Wir sind zwar gesund, aber leben mit jemand Krankem zusammen oder kennen, bzw lieben jemanden, der krank ist. Ihnen würde es vielleicht auch helfen zu wissen, wie wir darüber denken. Und vielleicht hilft es uns ja auch besser mit unserer Hilflosigkeit klarzukommen.
Die besten Wünsche
25. November 2002

Ihre Reaktion auf die Antworten der User
(die nicht nur positiv ausfielen)
Als ich vor einigen Wochen aufschrieb, was mir so manchmal den lieben langen Tag durch den Kopf saust, stellte ich das Ergebnis in einem anderen Ms-Forum ins Netz. Ich hatte keine großen Absichten, dachte nur, dass es vielleicht zufällig der ein oder andere liest und sich wiederum selbst Gedanken über seine Gefühlslage macht. Ab und zu habe ich solche Anwandlungen, dass ich einfach mal in meinem Kopf „aufräumen“ muss, sonst überwältigen mich meine Gedanken und Gefühle. Schreiben hilft da wirklich gut - mein Allheilmittel.
Meine Meinung steht fest und ist auch unumwerflich: Wenn ich mich mit der Krankheit meiner Mutter nicht auseinandersetze, was bleibt mir dann? Wie soll ich sie verstehen, wenn ich ihr nicht zuhöre, wie mit meiner eigenen Angst umgehen, wenn ich nicht weiß, wie es ihr geht? Und Angst hat jeder Angehörige automatisch. Wie geht es weiter, was kommt noch? Ich bin doch ihr Kind, ich verdanke ihr mein Leben, und ich liebe sie, wie um alles in der Welt soll ich da ihrer Krankheit aus dem Weg gehen?
Es gibt da einen Spruch, der vielleicht nicht zu 100% auf das Thema passt, aber sinngemäß vielleicht doch:
„Sag es mir, und ich werde es vergessen.
Zeige es mir, und ich werde mich daran erinnern.
Beteilige mich, und ich werde es verstehen.“
Wenn mich meine Mutter also nicht an ihrer Krankheit teilnehmen ließe könnte ich sie nicht verstehen, das ist für mich ganz klar.
Auch Trauer ist in meinen Augen normal. Übrigens weine ich MEINE Tränen, nicht die meiner Mutter. Ich trauere, dass ich nicht wie andere Töchter mit meiner Mutter unbeschwert mal zum Beispiel eine Kulturveranstaltung besuchen kann, wir uns einen Kinoabend dreimal überlegen müssen (Kommen wir dort mit dem Rolli rein? Wo kann er stehen? Ist der Platz auch nahe genug an der Toilette, damit wir
schnell sind, wenn’s „drückt“?). Ich habe getrauert, dass meine Mutter auf meinem Abiball nicht tanzen konnte, obwohl sie es so gerne tut, dass ich nicht wie andere spontan sagen kann: „Komm Mama, wir gehen auf den Weihnachtsmarkt.“ und und und. In meinen Augen steht mir auch diese Trauer zu.
Die MS beeinflusst mein Leben. Vor allem halt gefühlsmäßig. Aber natürlich gibt es auch in der Beziehung zwischen mir und meiner Mutter nicht nur die MS, und ich lasse ihr auch um Gottes Willen den Freiraum allein mit ihrer Krankheit klar zu kommen. Das ist ganz logisch, letztlich muss sie das ja. Ich kann sie nur unterstützen und für sie da sein.
Ansonsten führe ich ein Leben wie viele meines Alters. Ich bin bis spät in die Nacht auf Partys, gehe mit Freundinnen in Cafés, habe meinen Freund, mit dem ich viel unternehme und plane meine Zukunft. Das einzige, was ich der MS einräume ist, dass sie meinen Studienort bestimmt. Ich lebe glücklicherweise in einer Universitätsstadt, kann hier also meine Fächer studieren und möchte gerne in der Nähe meiner Eltern bleiben. Ich könnte es nicht ertragen in einer anderen Stadt zu wohnen, weit weg, und meine Eltern nur 1-2 mal im Jahr zu sehen. Ich habe Angst, dass ich dann so vieles, was auch den Verlauf der MS betrifft, verpasse.
Ich bin gerne für meine Mutter da, wenn es ihr schlecht geht. Umgekehrt weiß ich auch 100%tig, dass sie für mich da ist. Wir haben - so blöd es sich anhören mag - durch ihre Krankheit sogar ein noch engeres Verhältnis bekommen. Es gibt fast nichts, was ich ihr nicht erzählen würde und auch
könnte. Wir haben so tolle Gespräche, sie ist für mich wie eine Freundin. Auf der anderen Seite ist sie aber natürlich auch weiterhin meine Mutter, die mir Lebenserfahrung voraus hat, mich berät, sich für mich einsetzt, mir hilft, die ich respektiere und für die ich Stolz empfinde.
Wenn ich angesichts ihrer Erkrankung keine Angst hätte, nicht darüber nachdenken, nicht weinen, keine Hilflosigkeit empfinden und nicht darüber reden wollen würde, wenn es mich nicht beschäftigen und berühren würde, wenn ich dem gegenüber keine Gefühle hätte - was für ein Mensch wäre ich dann?!...

An diese Stelle möchte ich ein paar Gedanken von mir reinsetzen, die ich ca. 8 Jahre nach den Beiträgen meiner Tochter zu ihren Inhalten habe. Ich denke, dass das sehr wichtig ist, denn -
"Manchmal scheint vieles anders als es ist" - oder " Oft kommt es ganz anders, als man denkt..."
Und was ist heute...? (2011)

Damals, vor 8 Jahren:
Als meine Tochter vor 8 Jahren ihre Gedanken für unser Internetboard zur Verfügung stellte, war ich sehr gerührt über ihre Offenheit, aber auch über den Inhalt ihrer Texte.
So deutlich hatte sie mir ihre Gefühle vorher nicht gesagt, obwohl ich sie erahnen konnte.
Meine Gefühle, die sich anhand ihrer Texte bei mir einstellten, waren sehr widersprüchlich.
Einerseits war ich stolz auf sie, dass sie den Mut hatte, ihre Gedanken zu diesem Thema einer Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen.
Andererseits tat es mir aber auch weh, sie in ihrer Traurigkeit und Anteilnahme so erleben zu müssen. Ich hätte ihr und meiner übrigen Familie all diese Ängste und schmerzlichen Gefühle gerne erspart – doch ich war selbst davon betroffen und in der Zeit noch nicht da, wo ich heute bin.
Meine Tochter musste derzeit, als Reaktion auf ihre Texte, einige unschöne Angriffe von Mitbetroffenen hinnehmen die der Meinung waren, dass die Diagnose MS nur den Erkrankten selbst betreffen würde und man als Betroffener seine Familie und sein Umfeld dabei „aus dem Spiel“ lassen müsse.
Ich wusste anfangs nicht einmal, dass meine Tochter einen Artikel in unser Board stellen wollte. Sie hatte es mir vorher nicht angekündigt und überraschte mich damit, nachdem er bereits online war.
Somit hatte ich keinen Anteil an ihrem Entschluss, und schon gar nicht an dem Inhalt ihrer Texte. Es war ihr ganz einfach ein Bedürfnis, dies zu tun...
Natürlich war ich positiv überrascht und gerührt, hatte aber auch gleich Befürchtungen, dass es Gegenreaktionen geben würde.
Mit dem, was sie dann jedoch aushalten musste, konnte selbst ich nicht rechnen, zumal ich in der Zeit noch wenig Erfahrungen mit dieser Art von Austausch im Internet gesammelt hatte.
Doch sie reagierte sehr souverän auf die Antworten (wie man in ihrem zweiten Posting sehen kann) und ließ sich in ihrer Meinung nicht beirren.
Dafür bin ich ihr bis heute von Herzen dankbar und stolz.
Als Reaktion auf diese beiden Beiträge bekam ich noch Jahre später immer wieder einmal eine Mail oder eine PN. In der Regel waren diese Rückmeldungen positiv, was uns beide immer wieder sehr freute – und wofür ich den SchreiberInnen ebenfalls noch heute dankbar bin. Diese Reaktionen waren besonders wichtig für meine Tochter. Eben auch die Tatsache, dass uns viele Menschen schrieben, dass sie sich wünschten, dass es noch wesentlich mehr Angehörige geben sollte, die auf ähnliche Weise Anteil an dem Leben ihrer MS-Betroffenen Verwandten und Freunde nehmen würden.
......Soweit die Geschichte von damals...
Und heute – 8 Jahre später?
Heute sieht die Welt ganz anders aus, als meine Tochter und ich es uns „damals“ je hätten erträumen lassen können!
Heute habe ich meinen Weg gefunden, „stehe“ mit beiden Beinen mitten im Leben, meistere dieses mit Unterstützung meiner Assistenten alleine - und bin seit 1 ¾ Jahren Oma!!!!
Heute hat auch meine Tochter ihren Weg mit ihrer MS-betroffenen Mutter gefunden, hat mich meinen Weg gehen lassen können, wenn es auch nicht immer leicht war. Doch wir haben uns nie emotional aus „den Augen“ verloren. Sie hat mich oft nicht verstehen können – und ich sie ebenfalls nicht. Und doch haben wir uns gegenseitig so sein lassen können, wie wir sind und wie wir es jeweils für uns selbst als gut befunden haben.
Wir haben beide sehr viel lernen müssen – haben diese Erfahrungen und Erkenntnisse aber auch zulassen können.
Es war kein leichter Weg und es hat immer wieder Zeiten des Abstands und des neuerlichen „Aufeinander Zugehens“ gegeben. Und ich habe das Gefühl, dass wir durch jedes Tief, dass wir beide durchschritten haben, uns immer wieder noch ein Stück näher gekommen sind.
Keine von uns beiden hat je dabei das Handtuch geworfen, auch wenn wir manchmal nahe dran waren. Doch gerade in diesen Augenblicken haben wir immer wieder erkannt, wie sehr wir uns lieben und wie wichtig uns die jeweils andere ist.
Es war ein Ringen um Verständnis für die andere, um die Akzeptanz des ureigensten Weges und die Entscheidungen der anderen. Wir waren lange nicht immer einer Meinung, haben uns jede für sich weiter entwickelt, haben unsere Vorstellungen und Wünsche immer wieder neu hinterfragt - und waren uns doch nie fern.
Ich will damit sagen, dass es nicht nur „Friede, Freude, Eierkuchen“ war, sondern ernsthafte Arbeit an unserer Beziehung – trotz, oder vielleicht auch gerade wegen meiner Erkrankung.
Ich bin nicht die Mutter, die meine Tochter als Mütter bei den meisten ihrer Freundinnen erlebt. Ich konnte ihr vieles nicht geben, was ich mir für sie gewünscht hätte. Die MS hat auch dabei ihre Wirkung gezeigt. Wir mussten uns beide an sie, und an die damit einhergehenden Veränderungen gewöhnen – jede für sich.
Die Rollen vertauschten sich manchmal, so dass ich diejenige war, die einen guten Rat brauchte, die emotional „am Schwimmen“ war, die Dinge tat, die „nicht üblich“ für Frauen in meinem Alter sind – oder für Mütter an sich.
So wie Mütter oftmals Verständnis für die außergewöhnlichen Dinge und Entscheidungen ihrer gerade erwachsenen Töchter aufbringen müssen, so musste meine Tochter manchmal dieses Verständnis für mich aufbringen. Natürlich gab es dabei auch die entgegengesetzte Notwendigkeit, denn auch das Verhalten meiner Tochter war für mich nicht immer nachvollziehbar, so dass auch ich ihr dabei vertrauen musste, Verständnis haben musste.
Ich denke, dass auch Mütter und Töchter ohne eine entsprechende Diagnose solche Zeiten durchleben (müssen). Doch wird es sich dabei oftmals um andere Themen handeln und vieles von dem, was für uns beide ein Problem darstellte, wird ihnen erspart bleiben.
Und doch haben wir es geschafft!!!
Ja, ich bin sogar der Meinung, dass wir auch durch meine Erkrankung ein besonderes Gefühl füreinander entwickeln konnten, dass wir ohne die MS nicht hätten erlangt können.
Durch die MS waren wir Situationen ausgeliefert, die man in den wenigsten „Mutter-Tochter-Ratgebern“ finden kann. Wir mussten Neuland betreten und es ohne Netz und doppelten Boden erproben. Und wir haben dadurch viel gewonnen!
Ich denke, dass meine Tochter und mich heute nicht mehr viel überraschen kann. Wir wissen so tief voneinander, dass wir uns auf die andere verlassen können – egal was kommt! Und wir wissen, dass es nichts geben kann, was wir nicht mit vereinten Kräften und dem festen Glauben an die andere zusammen meistern könnten.
Und das ist so ein wunderbares Geschenk, dass es all die Mühe, die Tränen und manchmal auch die Verzweiflung der letzten Jahre allemal wert ist...
Ja, und dann bin ich nun auch noch Oma geworden. Obwohl ich immer sage: „Oma wird man nicht. Entweder man ist es, oder man ist es nicht. Und das hat etwas damit zu tun, ob man diese Rolle annehmen möchte und sich darüber freut, oder ob man damit Schwierigkeiten hat.“
Und ich bin eine Oma durch und durch :-) …
Die Omarolle:
Als ich gerade das Wort: „Omarolle“ schrieb, meinte ich damit natürlich die Funktion als Oma. In meinem Kopf formte sich jedoch gleichzeitig ein Bild, bei dem eine Oma gerade eine „Rolle vorwärts“ macht – und ich musste schmunzeln...
Vielleicht erinnert ihr euch noch an die Worte meiner damals 21-jährigen Tochter aus dem obigen Beitrag:
„Besonders schwer fällt mir der Gedanke, wie meine Mutter MEINE Kinder erleben wird, und sie umgekehrt meine Mutter.... und die Vorstellung, dass meine Kinder sie nur im Rollstuhl erleben werden, zerreißt mich....“
Gerade auch dieser Satz hat mich damals sehr berührt und auch ich hatte Angst vor diesem Tag, an dem ich „Oma werden würde“. Damals konnte ich mir diese Rolle nicht vorstellen und war voller Trauer um das, was ich meinen Enkeln nicht würde geben können – was ich mir aber immer so sehr gewünscht habe...
Und nun bin ich Oma...
Doch so ein kleiner Zwerg kommt ja nicht von heute auf morgen auf diese Welt, und somit hatte ich neun Monate Zeit, „Oma zu werden“, so wie meine Tochter sich auf ihr „Mutter sein“ vorbereitete.
Ich glaube, dass uns diese Zeit ganz besonders viel Verbundenheit beschert hat. Ich selbst durfte noch einmal als „Zuschauerin“ das Entstehen eines kleinen Erdenbürgers miterleben – und meine Tochter ließ mich sehr nahe daran teilhaben, wofür ich ihr zutiefst dankbar bin. Gemeinsam verfolgten wir, gestützt von den vielen, vielen „Elternratgebern“ und „Babymails“ die das Internet heutzutage anbietet, das Entstehen und die Entwicklung meiner kleinen Zaubermaus.
Ich erlebte noch einmal all die großen und kleinen Wunder mit, die Freudentränen darüber, das Zittern, wenn „etwas“ auf sich warten ließ oder nicht „im Rahmen“ lag, die erste Ultraschallaufnahme, die ersten Herztöne, die ersten Bewegungen – kurz, das ganze große Wunder der Entstehung dieses kleinen Wesens. Ich führte Tagebuch darüber und war bereits damals meiner kleinen Zaubermaus ganz, ganz nahe...
Ja, und dann war sie da – und ich spürte noch einmal dieses große Glück, dieses wunderbare Gefühl für so ein kleines Wesen – dieses kleine Bündel, das ich da auf meinem Schoß halten durfte...
Inzwischen sind 1 ¾ Jahre ins Land gegangen und meine kleine Zaubermaus ist zu einem Kleinkind herangewachsen. All die Befürchtungen, dass ich meine Kleine niemals würde betreuen können, nicht mit ihr alleine gelassen werden kann, haben sich nicht bewahrheitet!
Dieses kleine Wesen ist wohl die größte Herausforderung meines jetzigen Lebens – oder vielleicht sogar meines Lebens an sich. Ich hätte es vorher niemals für möglich gehalten dass ich irgendwann all die Dinge würde meistern können, die ich zusammen mit ihr gemeistert habe! Sie ist mein Lehrmeister, mein Wegweiser – und ich folge ihr.
Obwohl ich nur noch sehr unsicher (in meiner Wohnung) laufen kann und immer eine Hand zum Abstützen frei haben muss, um mich im Notfall festhalten zu können, konnte ich dies mit ein wenig Übung auch mit einem Baby auf dem Arm. Ich lernte, dass mir im Notfall auch mein Ellenbogen, mein Po oder meine Hüfte zum Abstützen ausreichte, lernte, wie ich so ein Baby auch mit wenig Kraft in den Armen tragen konnte. Und wenn es gar nicht mehr ging, bewegte ich mich mit der kleinen Maus eben auf dem Boden weiter. Dabei gab ich sicher nicht immer das eleganteste Bild ab und ich bewunderte meine Tochter, dass sie ihre Angst im Zaum hielt, dass ich mit ihrem Baby irgendwann einmal stürzen könnte. Doch das geschah nie. Ich konnte meine Kräfte und mein Gleichgewicht immer besser einschätzen und wusste bald, welche Maßnahmen ich im Notfall ergreifen muss.
Meiner kleinen Maus war das alles egal. Sie hatte und hat alles Vertrauen der Welt in mich und nimmt ganz selbstverständlich all das so hin, was ich nicht kann oder anders mache als die anderen Großeltern oder Mama und Papa. Wenn ich mit ihr auf dem Boden gespielt habe und zum Aufstehen bis zum nächst erreichbaren Stuhl krabbele, dann krabbelt sie inzwischen mit. Und wenn ich mich dann nach und nach an dem Stuhl hochziehe, macht sie es ebenso – auch wenn sie inzwischen ohne Hilfsmittel aufstehen kann. Naja, und wenn mir dabei auch einmal ein kleines Stöhnen herausrutscht – ja, dann stöhnt sie eben genauso... :-)
Für meine Maus ist das alles völlig normal: Oma krabbelt nun mal gerne... Sie zeigt auch keine Angst, wenn ich manchmal etwas taumelnd – mit ihr auf dem Arm – mich an der nächsten Tür abfange. Dann hält sie sich eben mit am Türrahmen fest. Und dass Oma beim Fußballspielen auf einem Stuhl sitzt, wundert sie auch in keinster Weise. Das ist eben so...
Wir sind inzwischen ein tolles Team geworden und haben so viel Spaß miteinander, dass es eine Freude ist. Mein Rolli ist für sie ebenfalls eine Selbstverständlichkeit. Wenn sie mich besucht, und ich mit ihr und ihrer Mama zusammen zur Haustür gehe und meinen Rolli dabei mitnehme, freut sie sich riesig, weil sie dann weiß, dass ich zu einem Spaziergang mitkomme. Sie weiß inzwischen genau, dass der Rolli draußen zu mir gehört. Und sie findet es genauso toll, mich im Rolli zu schieben, wie auf meinem Schoß mitfahren zu können. Aber sie hat auch Spaß daran wenn ich sie in der Wohnung mit meinem Rolli herumfahre – und natürlich immer wieder einen (gewollten) Chrash damit provoziere. Das findet sie toll - „bumm!!!“ Und wie toll ist es erst einmal, wenn die Oma mit dem Zwerg auf dem Schoß im Rolli tanzt! Das macht vielleicht Spaß! Und wer hat sonst noch das Glück, so durch die Gegend sausen zu können?! Dagegen ist ein Buggy ein Witz!...
Ich habe nicht das Gefühl, dass meine Maus in mir etwas Besonderes sieht, oder meint, mit mir könne man nicht so viel Spaß haben wie mit den anderen Großeltern. Dass ich draußen nicht mit ihr um die Wette rennen kann, oder sie in ein Streichelgehege begleiten kann macht auch nix. Dafür gibt es ja auch noch andere Erwachsene – und Oma sieht vom Zaun aus zu und warnt vor dem herannahenden Ziegenbock...
Ja, so sieht mein Leben inzwischen als Oma aus. Wer hätte das gedacht??!! Ich selbst habe meine Rolle im Leben dieses kleinen Menschlein gefunden. Doch sie hat sie mir auch gezeigt und mir dabei geholfen, durch ihre Unbefangenheit, durch ihr Selbstverständnis und ihr unendliches Vertrauen. Mein kleines Mädchen ist wie ein Wunder für mich. Sie hat mich noch einmal dem Leben – meinem ureigenen Leben – ein ganzes Stück näher gebracht, mich noch mehr mit meinem Schicksal ausgesöhnt und mir die Freude daran – trotz einer MS-Diagnose und trotz all der Dinge, die damit einhergehen – noch einmal neu gezeigt.
Ich kann nicht nur sagen, dass ich drei wunderbare, einmalige und durch nichts zu ersetzende Kinder habe, eine Tochter, die mir so viel Vertrauen geschenkt hat und schenkt, mir ihr Kind immer wieder anvertraut, auch wenn sie dabei nicht selten Befürchtungen haben musste – ich habe auch noch ein großes kleines Wunder dazu bekommen – meine kleine, süße, durch nichts auf der Welt zu ersetzende und unendlich geliebte kleine Zaubermaus... Dafür danke ich Gott!!!!
- Das Leben ist wunderschön!!!!!!!!!!.....
